Alex On The Run oder: Du kannst der Liebe nicht entkommen
Kapitel 04: Schneckenhaus
Obwohl er sich in den hintersten Winkel des Clubs verkrochen hatte, war sie die erste Person, die er an diesem Abend tatsächlich wahrnahm.
Es ging ihm nicht besonders gut. Seit Simone ihm eröffnet hatte, sie wolle mit den Kindern hier in München bleiben, versuchte er sein Leben neu zu ordnen. Es hatte schon seit einigen Monaten nicht mehr richtig gestimmt. Jeder lebte in seiner eigenen Welt. Ihre war von den Kindern bestimmt, seine vom Fußball. Doch während er sich mit ihrer Welt arrangieren konnte, schien ihr dieses Kunststück nicht zu gelingen. Ihre letzten Worte klangen immer noch in ihm nach.
„Ständig bist du unterwegs und trainierst. Und trotz dem die WM hier stattfand hast du kaum Zeit für mich gefunden. Ich halte das nicht aus. Und jetzt noch der Umzug nach London. Denkst du denn gar nicht an unsere Kinder?“
Natürlich dachte er an sie. Voll Liebe und Zärtlichkeit dachte er an seine drei Jungs. Ein Umzug war natürlich wie immer ein großer Schritt. Und in eine Weltmetropole wie London zu ziehen erschien ihm als sehr aufregend. Nicht nur für ihn selbst, sondern auch für seine Familie. Wie jeder Vater wollte er seinen Kindern etwas bieten. Und als Mann wollte er seiner Angebeteten die Welt zeigen. Traurig schüttelte er den Kopf.
Er hatte alles falsch gemacht. Für Simone war es ein Umzug zu viel und ein Grund zur Trennung. Und dennoch… hatte er das nicht alles erstaunlich gut aufgenommen? Es war so, als hätte er befürchtet, dass dieser Tag kommen würde. Es beruhigte ihn sogar teilweise, dass er es endlich hinter sich hatte. Auch wenn es noch immer wehtat.
Diesmal würde ein neues Baby ihre Beziehung nicht kitten können. Das alles war mittlerweile einen Monat her und er hatte sich schon in seinem neuen Zuhause eingelebt. Die Saison würde auch bald beginnen, in England sowie in Deutschland. Er schätzte es sehr von seinen Kollegen, dass sie ihm eine Abschiedparty organisiert hatten und ihn dafür noch mal nach Deutschland zurückholten. Morgen Nachmittag musste er allerdings schon wieder zurück, was ihm auch ganz recht war. Er wollte nicht länger als nötig bleiben. Als er sich jetzt umsah und einen Blick zur Tanzfläche warf, sah er dass es eine ganz nette Mischung war, aus Leuten die er kannte und nicht kannte. Es waren nicht nur geladene Gäste hier, sondern auch das ‚ganz normale Fußvolk’, um Bernds Worte zu gebrauchen.
„Ist doch viel interessanter so“, meinte der ehemalige Kollege aus Leverkusener Zeiten. „So, und jetzt komm mal raus aus deinem Schneckenhaus! Es tut dir nicht gut, wenn du hier im Dunklen vor dich hingrübelst. Hab mal ein bisschen Spaß!“ Aufmunternd klopfte Bernd ihm auf die Schulter, worauf Michael ihn nur schelmisch ansah und meinte, dass er ihm auch nicht einmal seine Ruhe gönne.
„Ruhe? Junge, dass ist deine Party, da sollst du mal ein bisschen amüsieren! Und denk nicht zurück. Guck nach vorne, dann ergibt sich der Rest.“ Wieder mal eine von Bernds Weisheiten. Michael stand schließlich auf, suchte sich einen Platz von dem aus er das meiste überblicken konnte und schaute, ganz wie Bernd meinte, nach vorne. Zur Tanzfläche. Es dauerte nicht lange, da entdeckte er zwei ausgelassen tanzende, fröhliche junge Frauen. Die eine kannte er, das war Verenas Schwester. Und die andere? Ob er wollte oder nicht, aber er musste tatsächlich lächeln. Wie sie sich auf der Tanzfläche bewegte wirkte vollkommen unschuldig und natürlich. Kurz darauf konnte er nur noch ihre Rückansicht bewundern und Tina kam ihm entgegen. Sie begrüßten sich und bald darauf gesellten sich auch Verena und Oliver zu ihnen. Nach belanglosem Kram wie „London ist toll“ und „Mir geht’s gut“ entschloss sich Michael zu fragen, mit wem Tina hier wäre.
„Aaach… du meinst die Hübsche dort unten auf der Tanzfläche?“ Tina grinste als sie Michael danach gedankenverloren nicken sah.
„Das ist Alexandra, eine gute Freundin und Kollegin von mir. Soll ich sie mal holen gehen?“
„Nein, nein. Ist nicht nötig. Ich habe mich nur gefragt… Ach, ist ja auch egal. Was macht die Arbeit?“
So ging das noch ein paar Minuten weiter und als Tina ging, sah er ihr nachdenklich hinterher. Seine Augen folgten ihr und begegneten ganz unverhofft denen von Alexandra. Es schien lange zu dauern, bis sie sich voneinander lösen konnten. Michael war fasziniert und verspürte das Bedürfnis, diese Frau kennenzulernen. Dennoch… er verdrängte dieses Bedürfnis und stellte es sogar in Frage. Es war seiner Meinung nach einfach der falsche Zeitpunkt.
Und dennoch war da dieses aufkeimende Interesse, das sich einfach nicht verleugnen ließ. Michael beobachtete noch einen Augenblick die Tanzfläche, dann machte er sich auf ein paar Leute zu treffen. Er brauchte jetzt dringend Ablenkung.