Verwehrtes Glück
Kapitel 01: Tragisches Wiedersehen
Die Bremer Innenstadt war mal wieder dicht. Stoßstange an Stoßstange schoben sich die Autos durch die Straßen. Torsten Frings saß gähnend hinter dem Steuer seines neuen Ferrari. Die perfekte Familienkutsche mit vier Sitzen. Danach hatte er schon lange Ausschau gehalten. Eigentlich wollte er sich einen Wagen dieser Marke erst leisten, wenn er Welteister geworden war, aber nun ja... das Leben ging merkwürdige Wege. Das hatte er schon des Öfteren feststellen müssen.
Nun saß er hier und überlegte, mit welcher Kleinigkeit er seine Frau überraschen konnte. Sie hatte ihn beauftragt, nach dem Training noch einmal in die Innenstadt zu fahren um für die Mädchen die bestellten Bilderbücher abzuholen. Und nun juckte es Torsten regelrecht in den Fingern, auch Petra etwas mitzubringen.
Bloß was? Es sollte wirklich nur eine Kleinigkeit sein, nichts Außergewöhnliches. Na ja, vielleicht würde sich ja etwas im Buchhandel finden, überlegte er, während er darauf wartete, dass es endlich weiterging.
Petra würde sich über alles freuen, was er ihr schenken würde, das wusste Torsten. Die Geste zählte für sie mehr als das eigentliche Geschenk und dass liebte und schätzte er so sehr an seiner Frau. Hinter ihm hupte es plötzlich und riss ihn aus seinen Gedanken. Vorsichtig tipte er das Gaspedal an und kam kurz darauf wieder zum Stehen. Wie gesagt, Bremen war dicht... Aber wegen den paar Milimetern so einen Aufstand zu machen? Er drehte sich nach hinten um und schaute, wer denn da so ungeduldig war.
„War ja klar“, schmunzelte Torsten und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, als er hinter ihm seinen Teamkollegen Tim Borowski erkannte. Grüßend hob dieser nun die Hand, was Torsten erwiderte. Dann konzentrierte er sich wieder auf den Verkehr und hoffte inständig, dass sich dieser Stau gleich auflösen würde.
Doch er sollte noch eine ganze Weile andauern. Zwischendurch rief er bei Petra an um ihr mitzuteilen, dass sie mit dem Essen nicht auf ihn warten brauchte.
„Ist es wieder so schlimm?“
„Mhm. Nächstes Mal nehm ich das Fahrrad, geht sicherlich schneller.“
„Na gut, dann ess ich jetzt schon mal mit den Mädchen. Bete, dass sie dir was übrig lassen, die haben schon die ganze Zeit solche Stielaugen“, lachte sie unbekümmert und verabschiedete sich sogleich. Ja, mit dem Fahrrad wäre er jetzt schneller unterwegs, dachte Torsten und sah den Radfahrern sehnsüchtig nach. Mit einem Male blieb ihm fast das Herz stehen. Er hielt gerade vor einer Bäckerei und aus dieser kam eine Frau geschlendert, die jemanden verdammt ähnlich sah. Sehr ähnlich... Obwohl schon so viele Jahre zwischen damals und heute lagen.
Aber das musste sie sein!
Torsten beobachtete sie einen Augenblick, wie sie ihre Sachen in den Korb legte und das Fahrrad startklar machte. Doch... das war sie, Torsten hat keine Zweifel.
Er machte die Fensterscheibe runter und lehnte leicht aus dem Wagen.
„Lena!“ rief er ihr zu, doch sie hörte es nicht. Die laufenden Motoren schluckten seine Worte.
Jetzt hatte sie sich mit dem Rad in Bewegung gesetzt und war gerade ein kleines Stück gefahren, als er es noch einmal mit aller Kraft versuchte.
„LENA!“ brüllte er und da: die Frau drehte sich um. Sie war es, dachte er herzklopfend. An ihrem Gesichtsausdruck konnte er erkennen, dass sie noch den Rufer suchte und winkend hob Torsten einen Arm aus dem Fenster. „LENA!“, brüllte er noch ein zweites Mal. Und dann geschah so vieles auf einmal, dass Torsten bis jetzt die Reihenfolge nicht genau wusste: Der Stau löste sich plötzlich auf - Lena erkannte ihn - sie verlor das Gleichgewicht und stürzte mit dem Rad in Richtung Straße - ein Auto fuhr sie an. Entsetzt und fassungslos starrte er auf die Szene, die sich ihm da geboten hatte. Zwei Autos vor ihm geschah das Unglück. Sofort stellte er den Motor aus, zog die Handbremse an und stürmte aus dem Wagen.
„Lena! Oh mein Gott…“ rief er und fiel neben ihr auf die Knie. Sofort nahm er ihren Kopf und barg ihn sicher in seinen Händen. Es sah nicht gut aus, wie sie so dalag. Ihr Bein war zwischen dem Fahrrad und dem Rad des Autos eingeklemmt.
„Es geht schon“, stöhnte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Der Fahrer, der Lena angefahren hatte, saß immer noch hinter dem Lenkrad, starr geradeaus blickend. Menschen versammelten sich um die Unfallstelle, doch niemand tat etwas. Da wühlte sich Tim durch die Menge.
„Boro, ruf schnell den Notarzt“, forderte Torsten und redete weiter sanft auf Lena ein. „Glaub mir, es geht schon“, meinte Lena leise. „Es ist nur das Bein… und… der Brustkorb.“ Scharf sog sie die Luft durch die aufeinandergepressten Zähne ein, als sie ein schmerzhaftes Ziehen verspürte.
„Schschsch, streng dich nicht an. Es wird alles wieder gut.“ Es musste einfach alles ‚gut’ werden. Torstens Herzschlag beschleunigte sich. Wenn sie hier jetzt sterben würde, dann… dann würde er sich auf ewig Vorwürfe machen.
Zärtlich blickte er auf sie hinab. Lena…
„Das wir uns tatsächlich wiedersehen… nach all den Jahren“, sagte sie schwach, und trotz der Schmerzen, die sie hatte, umspielte ein leichtes Lächeln ihre Lippen.
„Glaub mir, hätte ich gewusst, dass wir uns unter diesen Umständen wieder sehen, hätte ich gerne noch einmal 14 Jahre gewartet.“ Sanft legte er ihren Kopf in seinen Schoß und strich beruhigend über ihren Kopf.
„So lange ist das her?“ Torsten nickte und hatte Mühe, seine Tränen zurückzuhalten. Wo blieb nur der Notarzt?
„Boro? Hast du...?“
„Der Rettungswagen ist unterwegs“, beruhigte dieser seinen Teamkollegen und fragte, ob er noch etwas tun könne.
„Ich.. ich weiß nicht. Kannst du die Gaffer mal wegtreiben?“
Tim nickte und machte sich daran, die vielen herumstehenden Leute zu verscheuchen.
Torsten sah sich um. Wo blieb nur der Rettungswagen? Warum dauerte das so lange?
Dann endlich nach schier endloslangen Minuten hörte er das Martinshorn. Alles ging ganz schnell. Ein Einsatzwagen der Feuerwehr kam ebenfalls, sowie die Polizei. Ehe sich Torsten versah, wurde Lena auf eine Trage gehievt und umsorgt.
„Keine Sorge, das sieht schlimmer aus, als es ist“, erklärte der behandelnde Notarzt an den Fußballer gewandt. „Wir bringen sie ins Klinikum Bremen-Mitte.“
Torsten nickte abwesend und meinte, dass er nachkommen würde. Es dauerte noch eine Weile, bis die Unfallstelle freigegeben werden konnte. Die Polizei hatte noch ein paar Fragen an Torsten als Zeuge, dann konnte auch er gehen. Tim versuchte währenddessen seinen Kumpel beruhigen.
„Du… kennst sie?“
„Mhm… Lena. Sie… war meine erste Freundin, damals… in Aachen. Nach ihr habe ich Petra kennengelernt, aber…“ Er stockte. Fragend sah Tim ihn an.
„Aber was?“
„Es ist schon so lange her. Ich muss mich erst mal sammeln.“
„Hmm. Weißt du was, wir fahren erst mal zu dir nach Hause und dann bring ich dich ins Krankenhaus.“ Wieder nur ein Nicken von Torsten. Tim betete, dass er noch fahren konnte und heil zu Hause ankam. Er selbst fuhr hinter ihm her. Bis nach Lilienthal brauchten sie eine ganze Weile, aber sie schafften es.
Nachdem Torsten kurz ins Haus ging und Petra Bescheid gab, stieg er bei Tim ein und zusammen machten sie sich auf den Weg.
Auf dem Parkplatz vom Klinikum meinte Tim nur, dass er hier warten würde und er sich ruhig alle Zeit der Welt nehmen solle.
„Danke, Boro. Du hast was gut bei mir.“
Dann ging er und verschwand hinter den großen Glastüren.