Er sieht mich nicht
Kapitel 01: Der schon wieder
Sie sah nur die Turnschuhe und das ausgefranste Ende einer ausgeblichenen Jeans. Doch das reichte Florentine schon um zu wissen, wer sich darin verbarg. Noch bevor sie seine Stimme hörte.
„Ey Flo, bist du da?“ Seine markante Stimme hallte ein wenig in der Kfz-Werkstatt wider. Flo rollte die Augen. Zum wievielten Mal in diesem Monat war er nun schon hier? Sie fragte sich, warum er überhaupt noch mit seinem Auto nach Hause fuhr.
„Flo-ho?“ rief er noch einmal in die Werkstatt und lief hin und her. Flo seufzte und rollte schließlich unter dem Auto hervor, unter dem sie gerade noch gelegen hatte.
„Was gibt`s diesmal, Grinsebacke?“
„Woah, du bist heute ja richtig nett.“ Ein Grinsen von einem Ohr zum anderen. Flo stand auf und wischte sich die ölbeschmierten Hände in einem Tuch ab. „Also? Was muss ich diesmal machen? Luftdruck messen? Öl nachkippen? Die Bremsen ausbauen?“
Der Angesprochene lächelte gleichgültig und meinte stattdessen ein Scheppern wahrgenommen zu haben.
„Schon mal zum Arzt gegangen?“ murmelte sie leise aber noch laut genug, so dass er es hören konnte.
„Ey sag’ mal, was hab ich dir eigentlich getan?“ fragte er nun doch etwas wütend.
Bevor sie antworten konnte, kam der Chef, der auch noch ihr Vater war, von draußen herein und begrüßte seinen besten Kunden. „Lukas!“
„Tach Chef.“
„Na, alles klar?“
„Sicher. Wollte nur mal kurz den Wagen checken lassen. Bei meiner letzten Autobahnfahrt schepperte es so komisch.“
„Das sind die lockeren Schrauben in deinem Kopf, mein Lieber“, kam es von Flo, die gerade einen Blick unter die Motorhaube warf.
„Florentine!“ schimpfte ihr Vater und Flo zuckte ein wenig zusammen. Wenn er sie bei ihrem vollen Namen nannte, war es meistens überflüssig noch etwas zu erwidern.
„Schon gut“ sagte sie daher nur und sah, wie ihr Vater Lukas auf die Schulter klopfte, ihm viel Glück fürs nächste Spiel wünschte und wieder ging. Flo verdrehte nur die Augen. Ganz Deutschland war verrückt nach „Prinz Poldi“, wie er von der Presse deutschlandweit betitelt wurde. Dabei konnte sie sich absolut nicht erklären, was bei Lukas an einem Prinz erinnerte.
Aber war wirklich ganz Deutschland nach ihm verrückt? Nein, dachte Flo innerlich grinsend. Sie ganz bestimmt nicht.
Oder besser gesagt: Nicht mehr. Früher, als er noch im Haus nebenan wohnte, waren sie dicke Freunde. Bis sie in die Pubertät kamen. Doch daran wollte sie gar nicht mehr denken. Zu viele peinliche Situationen... „Und?“
„Was und?“
„Weißt du schon von was das Scheppern kommt?“
„Hab ich dir doch schon gesagt.“
„Ey, ich mein’s ernst!“
„Ich doch auch!“ Flo musste unweigerlich kichern, als Lukas sich genervt von ihr abwendete. „Schon gut, schon gut. Du brauchst wahrscheinlich einen neuen Keilriemen. Hast den Wagen wohl wieder mal ordentlich gequält, was?“
„Ach weißt du...“ Lukas wollte ihr einen Arm um die Schulter legen, doch Flo wich dem geschickt aus.
„Komm mir nicht auf diese Tour“, warnte sie ihn und ließ die Motorhaube herunter. „Lass den Wagen einfach hier und komm in drei Stunden noch mal wieder. Heute ist in der Werkstatt viel zu tun.“
„Und wie soll ich nach Hause kommen?“
„Geh doch zu Fuß oder nimm dir ne Taxe.“ „Bring ihn doch eben rum, Flo!“ kam es von hinten. Ihr Vater hatte seine Ohren anscheinend überall, dachte sie zerknirscht. Sie sah in das breite Grinsen ihres Gegenübers und leise fluchend ging sie vorraus zu ihrem Auto, einem Fiat Uno.
„Hast du diese Schrottkiste immer noch?“ fragte er und sah das Auto skeptisch an. Er bezweifelte, dass sie damit heil zu Hause ankommen würden.
„Na, bis jetzt musste ich damit in keine Werkstatt.“
„Kein Wunder wenn die Mechanikerin gleich in der Kiste drin sitzt“, murmelte er und nahm auf dem Beifahrersitz platz. Sie waren vielleicht grad mal zwei Minuten unterwegs, da fragte Lukas noch einmal nach.
„Ey, seit vier Jahren ignorierst du mich vollkommen, wobei du zwar seit einem Jahr wieder mit mir sprichst, aber das nicht gerade sehr freundlich. Also will ich jetzt wissen: Was hab ich getan, dass du mich so behandelst?“
„Frag dich lieber mal was du nicht getan hast!“
„Wa...?“ Lukas musste schon gewaltig in seinem Oberstübchen kramen, konnte sich aber keinen Reim drauf machen, was sie meinen könnte.
„Man, nun helf mir doch mal. Was meinst’n du?“
„Vergiss es. Ist ja doch hoffnungslos.“
„Ach verflucht noch mal, Flo! Wir waren doch mal so dicke miteinander! Hat dir das denn gar nichts bedeutet?“ Die Freundschaft hatte ihr verdammt viel bedeutet. Aber das konnte sie ihm jetzt nicht mehr sagen. Dafür lag zu viel Zeit zwischen damals und heute. „Kannst du auch mal antworten?“ blaffte er sie an, worauf Flo ihm nur den Mittelfinger entgegenstreckte.
„Ich geb’s auf“, murmelte er und sah stattdessen aus dem Fenster. Flo hingegen lächelte zufrieden und bog in die nächste Straße ein. Auf eine Diskussion mit Lukas würde sie sich nicht mehr einlassen. Wenn der in Fahrt war konnte der einen in Grund und Boden sabbeln. Vor dem Haus, in dem der knapp 20jährige Lukas mit seinen Eltern wohnte, hielt Flo schließlich an.
„Willst du nicht eben noch mit hochkommen? Meine Ma würde sich freuen, dich mal wieder zu sehen“, fragte Lukas im versöhnlichen Ton. Außerdem wusste er, dass Flo seine Mutter sehr gerne hatte. Weil ihre eigene Mutter schon früh starb, hatte Mama Podolski oft auf Flo aufgepasst, als sie noch nebeneinander wohnten. Die zwei hatten eine sehr innige Beziehung zueinander aufgebaut und Lukas hatte manchmal gemeint, seine Mutter wäre für Flo öfter dagewesen als für ihn. Aber das konnte natürlich auch nur Einbildung sein. Flo stöhnte entnervt auf. Lukas wusste immer wieder, wie man sie kriegen konnte.
„Aber ich sag nur ganz kurz Hallo“, erklärte sie und stellte den Motor ab. In sein Gesicht brauchte sie nicht zu schauen; sie wusste auch so, dass er wieder mal von einem Ohr zum anderen grinste.