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Er sieht mich nicht

Kapitel 02: Schweinsteiger

Kaum, dass Lukas die Tür aufgeschlossen hatte, herrschte große Aufregung.
„Wird ja auch Zeit, dass du kommst!“, schimpfte Frau Podolski von irgendwoher. Warum sie so aufgebracht war, klärte sich gleich fast von alleine.
„Nun machen Sie doch bitte nicht so eine Welle. Ist doch alles in Ordnung.“ Eine nur allzuvertraute Stimme drang da an sein Ohr und fast schon unglaubwürdig rief er ein „Schweini?“ in die Wohnung.
Ein blonder Schopf neigte sich aus der Wohnzimmertür und ein begeistertes „Poldi!“ schallte ihm entgegen.
„Sag mal, was machst’n du hier? Hast du kein Training oder gibt’s das bei euch Bayern nicht, weil ihr ja eh immer gewinnt?“

Die zwei Jungs feixten noch ein paar Minuten rum, wobei sie immer wieder versuchten, sich gegenseitig in die Seite zu kneifen.
Flo glaubte im falschen Film zu sein. Die benahmen sich wie zwei Zehnjährige auf dem Schulhof. Dann endlich kam auch Frau Podolski um die Ecke. Als sie Flo entdeckte, stieß sie einen kleinen Freundenschrei aus.
Verwundert sahen sich die Jungs zur Wohnungstür um, wohin gerade die Mama des Nationalstürmers stürmte.

„Es ist ja so schön dich wiederzusehen. Aber sag mal, du bist ja so dünn geworden...“
„Keine Angst. Ich esse ausreichend. Da kannst du ruhig Paps fragen. Und ich freue mich auch dich zu sehen“, sagte sie und ließ sich von der Älteren in die Arme schließen.
Bevor sich Flo aus der Umarmung löste, fiel ihr Blick auf Schweinsteiger, der wie angewurzelt dastand und sie anzustarren schien.

„Ach dich hab ich ja ganz vergessen!“ sagte Lukas grinsend. „Sie wollte nur mal kurz Hallo sagen“ meinte er zu seiner Mutter und wandt sich dann wieder an Flo. „Guck, dann kannst du ja wieder gehen.“
Florentine zog die Stirn kraus. Unmöglich war dieser Podolski...
„Ok, dann geh ich wieder. Es gibt eh noch eine Menge zu tun.“ Damit wollte sie sich gerade verabschieden als Bastian sich aus seiner Starre lösen konnte.
„Hey, ich bin übrigens der Schweini... also Basti mein ich. Will sagen... Bastian Schweinsteiger.“
Flo sah zu dem blonden Bayern, den sie als leidenschaftliche Fußballzuschauerin vorm TV natürlich kannte. Eifrig hielt dieser ihr seine Hand zur Begrüßung hin. Zögernd und sich noch einmal die Hände an dem Blaumann abwischend, ergriff sie diese und stellte sich als Florentine Kramer vor.

Lukas stand neben den beiden, die sich gerade verhalten musterten.
„Ey, hallo? Flo, du kannst gehen.“
„Ja, schon gut. Ich hab eh noch genug zu tun.“ Sie verabschiedete sich, umarmte noch einmal Lukas Mutter und ging schließlich. „Komm doch öfter vorbei“, rief diese ihr noch zu und ging dann seufzend in die Küche.
Bastian winkte Flo geistesabwesend hinterher. Sogar noch, als die Tür schon wieder zu war.

„Sag mal, geht’s dir noch gut?“
„Hä?“
„Ey, du hast dich doch wohl nicht etwa in die Flo verguckt?“ fragte Lukas unglaubwürdig.
„Wieso, die ist doch hübsch!“ entgegnete Bastian und sah neugierig aus dem Fenster, wo er Flo gerade in ihr Auto einsteigen sah. Doch, sie gefiel ihm ganz gut.
„Hübsch? Flo? Ey, hast du zu lange in die Sonne geguckt oder was?“
Fassungslos sah Bastian seinen Kumpel an. „Was ist denn mit dir los? Man könnte meinen sie wäre deine kleine Schwester.“
„Pff. Kleine Schwester. Ey, die ist sogar ein halbes Jahr älter als ich. Kfz-Mechanikerin. Rennt den ganzen Tag im Blaumann rum, hat überall Öl im Gesicht und überhaupt...“
„Eine Frau, die sich mit Autos auskennt. Ist doch super.“

„Ach was auch immer. Sag mal, wieso bist du denn hier in Köln?“ Lukas wechselte das Thema so schnell wie er sonst übers Spielfeld rannte.
„Sagen wir mal so: Ich kuriere ’ne Zerrung aus. Und... ich dachte, ich schau mal was mein Lieblingsstürmer so macht.“
Grinsen von einem Ohr zum... na ihr wisst schon.
„Aha, na und dann brauchen die dich am Samstag nicht?“
„Mich? Wo ich doch ne Zerrung habe? Neee. Ich hab so gejammert, dass die mich gleich nach Hause geschickt haben. Na ja... ich hab da ein bisschen übertrieben. Wenn die Vorbereitung für den Confed-Cup losgeht will ich fit sein.“ Bastian machte eine Pause und setzte dann sein breitestes Grinsen auf. „Und dann zeigen wir’s denen, gell?“
„Logisch!“

Genervt hämmerte sie die Gänge ins Getreibe und fuhr Richtung Werkstatt. Jetzt war also auch noch der Schweinsteiger in Köln. Nach allem was sie so über ihn gelesen hatte, passten er und Lukas hervorragend zusammen. Den gleichen Humor, das gleiche Grinsen obwohl – mit Lukas konnte da eigentlich keiner so richtig mithalten.

Allerdings hatte Bastian diesen Lausbubencharme. Den hätte Lukas auch gerne, aber bei ihm wirkte das eher prollig. Von daher erschien ihr Bastian um einiges angenehmer.
Schon allein weil er auf sie so zerstreut wirkte.

Na, aber ihr Typ war er nun auch nicht gerade. Nett... aber nicht ihr Typ.

In der Werkstatt wieder angekommen machte sie sich schnell wieder an die Arbeit. Je eher sie Poldis Wagen fertig hatte, desto eher wurde sie ihn wieder los. Doch vorher musste sie noch das Auto durchchecken, unter dem sie noch vor etwas über einer halben Stunde gelegen hatte.

Die Werkstatt lief gut. Ihr Großvater hatte sie damals aufgebaut, sie dann an ihren Vater übergeben und irgendwann würde sie ihr gehören. Flo hoffte jedoch, dass das noch einige viele Jahre dauern würde. Ihr Vater war der Einzige, der ihr noch verblieben war nachdem ihre Mutter starb als sie selbst gerade mal zwei Jahre alt war. Die Großeltern lebten auch nicht mehr; sie wurden vor drei Jahren beerdigt.
Ihrem Vater zuliebe wählte sie nach der Schule eine Lehre zur Kfz-Mechanikerin. Natürlich im familieneigenen Betrieb.
Sie mochte die Arbeit, war sie doch praktisch mit Autos großgeworden. So etwas prägt und dennoch... Hätte Florentine die freie Wahl gehabt – sie hätte sich für etwas anderes entschieden. Designerin lautete irgendwann ihr stiller Berufswunsch. Schöne Kleidung wollte sie entwerfen und tragen. Stattdessen lief sie den ganzen Tag im Blaumann rum. Total chic.
Doch wann immer sie Zeit fand, setzte sie sich an den Tisch und zeichnete ihre Modewünsche auf. Hin und wieder kaufte sie Stoffe, um daraus nach ihrer Vorlage hübsche Oberbekleidung zu nähen. Das alles tat sie heimlich. Ihr Vater würde denken, dass sie nicht mehr an Autos rumschrauben wolle und wäre wohl enttäuscht. Und das wollte sie nicht riskieren. Naja, und zum Tragen ihrer selbstentworfenen Kleidung gab es ja auch nie Gelegenheit, außer in ihrem Zimmer vor dem Spiegel.

Aber dafür war eigentlich kaum Zeit. Der Job in der Werkstatt nahm sie genug in Anspruch. All die Autos... und dazwischen das von Lukas. Wieder einmal. Flo fragte sich, warum der hier alle naselang reinschaute. Der Wagen war in Ordnung, bis auf die paar Macken, die einfach erfahrungsgemäß jedes Gefährt von Lukas hatte – angefangen beim Dreirad. Und schon damals hatte Flo sich den Schraubenschlüssel aus Papas Werkstatt ausgeliehen und Lukas Fahrzeug wieder repariert.

Sie musste unweigerlich lächeln, als sie sich an die Tage aus ihrer Kindheit erinnerte. Zusammen mit Lukas hatte sie ne Menge ausgefressen und es war manchmal fast ein Wunder, dass sie unbeschadet raus gekommen sind.

Schön war die Zeit, als sie das Leben noch unbeschwert genießen konnte…

Kapitel 03