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Er sieht mich nicht

Kapitel 03: Eitler Gockel

Es ging präzise auf den Abend zu. Doch noch ehe es 18 Uhr war, hatte Flo den Wagen von Lukas repariert. Sie hätte auch bis 19 Uhr an dem Auto rumgeschraubt, nur um es noch heute wieder zurückbringen zu können.

Sie hatte den Wagen noch einmal gründlich durchgecheckt und festgestellt, dass sie wohl erst einmal Ruhe vor Lukas haben würde. Unmöglich dass in nächster Zeit etwas kaputt ging. Und wenn doch, dann würde sie ihn an eine andere Werkstatt verweisen.

„Hast du die Rechnung für Poldi fertig gemacht, Paps?“ fragte sie nach hinten Richtung Büro.
„Du willst ihm dafür doch nicht etwa Geld abknöpfen? Flo, ich bitte dich. Wer sind wir denn?“ Empörung schwang in seiner Stimme mit und ungläubig schaute er aus dem Büro heraus.
„Das ist jetzt schon das vierte Mal hintereinander, dass du ihm die Reparaturen nicht in Rechnung stellst. Ich sag das ja nur ungern, aber wir haben hinten keinen Goldesel stehen. Wir brauchen das Geld.“

Ihr Vater seufzte. Er hasste es, Freunden sowie ehemaligen guten Nachbarn Geld „abzuknöpfen“, wie seine Tochter sonst immer so schön sagte. Allerdings hasste er es genauso, wenn sie Recht hatte. Auch wenn die Werkstatt gewinnbringend war, brauchten sie jeden Cent.
„Beim nächsten Mal“, murmelte er.
„Was? Es wird kein nächstes Mal geben. Das Auto ist topfit, das wird mir hier nicht mehr in die Werkstatt kommen. Also mach die Rechnung fertig!“ schimpfte sie und scheuchte ihren alten Herrn ins Büro zurück, wo dieser sich kopfschüttelnd daran machte, die Rechnung aufzuschreiben.
„Nur damit du’s weißt: Das geht mir ganz schön gegen den Strich!“
„Ja, schon klar. Und jetzt mach. Ich will das schnell hinter mich bringen.“

Kurz darauf kehrte ihr Vater mit einem kleinen Zettel in der Hand zu ihr zurück.
„Da.“
„Gut, dann will ich mal.“
„Florentine?“
„Was denn?“
„Sag mal, eeeehm... a-ach, willst du etwa den Blaumann anlassen?“ Eigentlich wollte er etwas ganz anderes fragen. Aber dazu würde es vielleicht später noch Gelegenheit haben, so hoffte er.
„Soll ich mich etwa nackig machen?“
„Nein! Um Gottes Willen. Ich dachte ja nur, dass du dir ja etwas anderes anziehen kannst Musst ja nicht immer im Blaumann rumlaufen.“
„Nee. So lange ich im Dienst bin bleibt der an.“

Ihr Vater gab es auf und Flo legte eine Schutzhülle über den Fahrersitz. Nur weil sie etwas gegen Lukas hatte musste ja nicht der Wagen darunter leiden.

***

Sie klingelte bei Podolski. Es dauerte eine Weile, bis jemand öffnete. Zu ihrer Überraschung stand weder Lukas noch seine Mama vor ihr, sondern Bastian Schweinsteiger.
„Also eigentlich wollte ich nur kurz mit Lukas sprechen.“
„Der steht gerade unter der Dusche. Aber wenn du willst...?“
„Nee, lass ihn bloß da! Und was ist mit der Mama?“
„Einkaufen. Aber komm doch rein. Lukas ist bestimmt gleich fertig. Immerhin steht der ja schon eine halbe Stunde darunter“, erklärte Bastian grinsend und ging einen Schritt zur Seite um Flo hereinzulassen. Unweigerlich musste diese lachen. Lukas war schon immer ein Mensch, der stundenlang das Bad blockieren konnte.
„Also gut, dann warte ich noch einen Moment auf den Schönling.“
„’Einen Moment’ ist gut – musstest du dir schon einmal Zimmer und Bad mit ihm teilen?“
„Zum Glück nicht und ich hoffe dass das auch nie so sein wird.“

Bastian nickte. „Ihr versteht euch nicht besonders, oder?“
„Sagen wir mal so: Ich verstehe mich nicht besonders gut mit ihm. Aber das alles zu erklären macht erstens keinen Sinn und zweitens müsste ich dafür viel zu weit ausholen. Dazu habe ich keine Zeit und keine Lust.“
Wieder ein Nicken von Bastians Seite. „Tja, das muss ja jeder für sich selbst entscheiden, ne?“
„Wenn du das sagst...?“

Schweigen. Flo kam sich seltsam fehl am Platz vor und hoffte nur, dass sie hier schnell wieder weg konnte. Während nebenan noch die Dusche rauschte und man hin und wieder Lukas ein Lied pfeifen und vor sich hinsummend hören konnte, standen Bastian und Flo verhalten voreinandern und musterten sich hin und wieder.
„So, und Bayern wird Meister, hmm?“, begann Flo um wenigstens ein bisschen Konversation zu halten.
„Ja, sicher. Samstag ist der letzte Spieltag und dann gibt’s wieder die Meisterschale.“
„Wie immer also. Und du spielst nicht mit?“
„Nö, ich hab ’ne Zerrung im Oberschenkel.“
„Tut das weh?“
„Ein bisschen. Ist nicht schlimm.“ Bastian lächelte und kratzte sich am Hinterkopf. „Wir gehen heute Abend noch weg. Hast du Lust mitzukommen?“ Irgendwie musste er es doch schaffen, Flo näher kennenzulernen. Und Bastian war sich sicher, dass wenn sie erst einmal ein bisschen was getrunken hatte, gesprächiger sein würde.
„Nein danke. Ich bin froh, wenn ich Lukas mal ne Woche lang nicht sehe.“
„Wow, da muss ja was richtig Schlimmes zwischen euch vorgefallen sein.“
„Man, jetzt lass doch mal das Thema in Ruhe“, empörte sie sich und ließ die Augen rollen.

Bastian hob abwehrend die Hände vor die Brust und entschuldigte sich.
„Ja, ja. Ist ja schon gut. Tut mir ja auch leid, dass ich darauf immer so gereizt reagiere. Der Kerl nervt mich einfach. Ständig kommt er in die Werkstatt angedackelt und will irgendetwas.“
„Hmm. Nerven kann er ja wirklich. Vor allem wenn er etwas will. Na gut. Du willst also nicht mitkommen und das schieb ich jetzt auf Lukas. Aber vielleicht können ja... ehm... wir zwei... keine Ahnung... mal ins Kino gehen? Vielleicht? Irgendwann mal? So in den nächsten Wochen? Monaten? Ja?“

Flos Augenbrauen schnellten in die Höhe. Hatte er sie da gerade gefragt, ob sie mit ihm ausgehen würde? Wie kam es denn jetzt dazu? Flo hatte das Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben.
Doch bevor sie ihm eine Antwort geben konnte, öffnete sich die Badezimmertür. Erschrocken drehte sich Flo zur Tür und sah wenige Augenblicke später einen halbnackten Lukas Podolski herauskommen. Nur mit dem Handtuch um der Hüfte und noch ganz nass trat er auf den Flur, wo sie mit Bastian stand.

„Oh nein!“ stöhnte Flo und hielt sich entsetzt die Hände vors Gesicht.
„Wa...? Flo? Was machst’n du hier?“ Unbewusst schlang er sich das Handtuch fester um die Hüfte, streckte allerdings auch gleichzeitig die Brust heraus. Und natürlich fehlte auch das obligatorische Grinsen nicht. „Ey, du brauchst doch nicht gleich rot zu werden.“
„Das ist die Zornesröte, nur damit du’s weißt!“ keifte sie und nahm letztendlich die Hände wieder herunter.
„Sicher. Ich weiß doch, dass du auf mich stehst.“
„Na, jetzt hör aber mal auf. Was hast du denn bitteschön, worauf ich stehen sollte?“ fragte sie fast schon gelangweilt, nicht ohne jedoch einen prüfenden Blick auf seinen muskulösen Oberkörper zu werfen.
„Ey, na da brauchst du mich nur mal anzugucken!“ Demonstrativ lief er einmal hin und her und hätte dabei fast sein tolles Handtuch verloren. Zum Glück - oder auch nicht – hatte er Flo gerade seine Kehrseite zugewandt, als dieses Malheur passierte.
„Scheiße“ fluchte er leise, hatte aber gleich darauf wieder alles im Griff. Er räusperte sich kurz und hatte schon wieder sein freches Grinsen im Gesicht.

„Das reicht jetzt. Ich muss hier raus. Bastian: Morgen Abend - 19 Uhr - Kino. Ich hol dich hier ab. Auf Wiedersehen.“
Flo war schon fast draußen, als ihr die Rechnung wieder einfiel. Sie knallte sie regelrecht auf den Garderobenschrank
„Hier! Die ist für dich. Dein Auto parkt hinterm Haus.“

Und dann war sie auch schon wieder weg. Die beiden Jungs starrten ratlos auf die Tür.
„Sag mal, was ist denn mit der los?“ Lukas fand Flo immer merkwürdiger. „Und was meint die mit Kino?“
„A-ach... ich dachte... ich könnte ja... mit Florentine mal ausgehen. Da hab ich sie gefragt. Und hey – sie hat ja gesagt!“ freute sich Basti und grinste.

Lukas hingegen schaute ein wenig deprimiert aus der Wäsche, oder besser gesagt: aus dem Handtuch.
Flo hatte ganz entschieden etwas gegen ihn. Aber verdammt noch mal, er wusste einfach nicht wewegen. Vor ein paar Jahren war so viel passiert und irgendwo da musste er einen Fehler gemacht haben. Wenn überhaupt. Lukas war sich da gar nicht so sicher, dass er es war, der ihre Freundschaft zerstört hatte. Nein, er war ganz sicherlich nicht Schuld an all dem.

Nein, das konnte einfach nicht sein, dachte er betrübt.