Wenn Wünsche wahr werden
Kapitel 01: Der Wunschzettel
„Ich hasse Weihnachten!“
„Nein, tust du nicht.“
„Und ob!“
„Nein, du hasst dieses Weihnachten. Das ist ein Unterschied.“ Nico seufzte geräuschvoll in den Hörer. Ihre Freundin Julia am anderen Ende hatte ja Recht. Es war dieses Weihnachten, das ihr so sehr auf die Nerven ging. Eigentlich wollte sie zu ihren Eltern fahren. Dass sie jetzt noch zu Hause war lag nicht nur daran, dass ihre Eltern es vorzogen, Weihnachten in den Alpen zu verbringen, sondern auch an der dicken fetten Erkältung, die sie heimgesucht hatte. Und das bedeutete wiederum, dass sie an Heilig Abend sowie den ganzen folgenden Feiertagen in ihrer Wohnung sitzen würde. Allein. „Was ist mit Nico dem Zweiten?“
„Ach der... der hat sich mit nem Kumpel rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Die wollen Weihnachten in der Sonne verbringen. Bescheuert. Ich kann gar nicht glauben, dass ich mit dem verwandt bin.“ Nico die Erste und Nico der Zweite. So wurden Nicola und Nicolas scherzhaft in ihrem Freundeskreis genannt. Die beiden waren Zwillinge, teilten sich in Bremen eine Wohnung und kamen ganz gut miteinander aus. Während er dabei war, Mathematik zu studieren, arbeitete sie ganztags in einer Kindertagesstätte. „Oh man. Dann sitzt du morgen ganz allein unterm Tannenbaum?“
„Sieht wohl so aus. Die anderen sind auch alle schon ausgebucht. Entweder verbringen sie die Zeit bei ihren eigenen Eltern oder bei denen in spe. Es ist grässlich.“
„Ich würde ja zu dir kommen, aber...“
„Ja, ich weiß. Aber bleib du ruhig bei deinem Daniel und genießt die paar Tage, die ihr habt. Kommt ja nicht allzuoft vor.“
„Hmm. Aber... hach. Jetzt sitzt du da allein in deiner Wohnung. Das ist doch unfair. Und bist obendrein auch noch erkältet.“
„Klar, ich hab ja auch Urlaub. Wann soll ich denn sonst Zeit zum krank sein haben?“ fragte Nico sarkastisch und hustete.
„Ach komm. Weißt du, was du jetzt machst?“
„Ein Erkältungsbad nehmen?“
„Nein. Du schreibst jetzt einen Wunschzettel. Und ganz oben steht drauf, dass du Weihnachten nicht allein sein willst. Als zweites dann, dass du ganz schnell gesund wirst.“
„Ja, und an dritter Stelle, dass man die Julia ganz schnell einweisen soll.“
„Versuchs doch einfach mal. Dann geht’s dir bestimmt besser.“
„Der Glaube versetzt Berge, oder wie darf ich das verstehen?“
„Genau. Also, hol Papier und Bleistift und schreib auf.“ Nico konnte nicht glauben, dass sie ihren Schreibblock vom Tisch nahm und mit dem Kuli auf einem leeren Blatt „Wunschzettel“ schrieb.
„Aber ich schreib da jetzt nicht noch ‚Lieber Weihnachtsmann’, nur damit du’s weißt. Und es liegt auch nur an meiner Erkältung und den ganzen Medikamenten, dass ich diesen Unsinn mitmache.“
„Ja, schon klar.“ Eine Pause entstand, als Nico dabei war, ihre zwei spärlichen Wünsche aufzuschreiben. Ganz oben schrieb sie, dass sie Weihnachten nicht alleine sein möchte, sondern dass jemand da war, der sich liebevoll um sie kümmerte.
Darunter kam dann, dass sie ihre Erkältung loswurde. „So, und jetzt? Soll ich den zur Post bringen, oder wie funktioniert das?“
„Nein. Hast du zufällig einen Briefumschlag?“
„Ich glaube nicht.“
„Dann falte das Blatt ein paar Mal und stell es vor dein Fenster.“ Julia klang so, als hätte sie das schon tausend Mal getan.
„Dann fliegt er ja weg.“
„Das ist ja auch Sinn und Zweck dieser Sache.“
„Also ich schau doch noch mal lieber, ob ich einen Briefumschlag habe.“ Bei dem Gedanken, dass der Brief wegflog und irgendein wildfremder Mensch ihn fand und las, war ihr nicht ganz wohl.
Nico hatte Glück und fand doch noch einen Stapel Briefumschläge. Sie nahm einen, legte ihren Wunschzettel hinein und schloss ihn. Nico öffnete ein Fenster und legte den Brief auf den Sims.
„Sag mal“, bemerkte sie jetzt, „Schneit es bei dir auch so heftig?“
„Geht so. Hat gerade angefangen.“
„Hier auch, aber es liegt schon eine ganze Menge... Morgen bin ich bestimmt eingeschneit.“
„Na, soweit wird es wohl schon nicht kommen. Also: Hast du den Brief vors Fenster gelegt?“
„Ja, hab ich.“
„Gut. Dann heißt es jetzt nur noch warten und glauben.“
„Julia, du bist echt ein Unikat. Und du glaubst wirklich, dass das funktioniert?“
„Wer weiß?“ Nico hätte die Augen rollen lassen, wenn ihr das keine Kopfschmerzen bereitet hätte. Seufzend und Nase hochziehend verabschiedete sie sich von Julia, wünschte ihr einen schönen Abend und versprach, sich am 1. Weihnachtstag noch einmal zu melden. Sie schaltete das Licht in der Wohnung aus, was um einiges angenehmer war als das grelle Licht der Wohnzimmerlampe. Stattdessen zündete sie ein paar Teelichter an und stellte sie auf die Fensterbank. Dann kroch sie wieder unter die Decke und versuchte sich auszuruhen. Die kleinste Bewegung strengte sie an und am liebsten würde sie die nächsten Tage einfach nur durchschlafen.
Eine Weile schaute sie aus dem Fenster, sah die Schneemassen, die da herunter kamen und bemerkte, wie es immer dunkler wurde. Ja, im Prinzip hatte sie sich Weihnachten so vorgestellt. Nur nicht allein.
Aber daran war ja nun eh nichts mehr zu ändern. Sie würde die Tage schon irgendwie überstehen.
***
„Warum muss es denn ausgerechnet jetzt wie bekloppt schneien?“ fragte sich der Bremer Verteidiger verzweifelt. Er war losgefahren, als es nur ein bisschen krümelte und jetzt war er in ein Schneegestöber geraten. Selbst die Scheibenwischer kamen irgendwann nicht mehr dagegen an. Sehen konnte er auch nicht viel und letzten Endes blieb er stecken. Die Schneemassen waren einfach zu gewaltig. Clemens konnte sich nicht erinnern, dass es kurz vor Weihnachten jemals so geschneit hatte.
Und schon gar nicht hier in Bremen. Aber was sollte er jetzt machen? Der Motor war aus, der Schnee nahm kein Ende und weit und breit kein Räumungsfahrzeug. Er ließ noch einmal den Motor an, doch fahren konnte er nicht. Und wenn er sich die Situation mal genauer ansah, dann glaubte er auch nicht, dass er heute noch einen Centimeter vorwärts kam. Das war schon ein bisschen blöd. Eigentlich war er auf dem Weg zu seinen Eltern, um mit ihnen Weihnachten zu verbringen. Aber daraus würde jetzt wohl nichts mehr werden. Und um zu seiner Wohnung zurückzulaufen war es nun auch zuweit. Außerdem hatte er ja auch noch sein ganzes Gepäck, das er mitschleppen musste. Es wurde jetzt schnell dunkel, und da hatte er keine Lust, allein auf der verschneiten Straße zu laufen. Wo war er hier eigentlich? Wenn hier irgendwo ein Straßenschild sein sollte, dann ging es in dem Schneegestöber total unter. Erst einmal zurücklehnen und tief durchatmen. Kalt war es. Clemens überlegte, wie weit er wohl gekommen war. Wenn er Glück hatte, wohnte einer seiner Kumpels in der Nähe und konnte bei ihm unterkommen.
Aber in welche Richtung sollte er gehen? Einfach aussteigen und loslaufen bei diesem Sturm erschien ihm nicht gerade vernünftig. Vielleicht sollte er einfach irgendwo klingeln und hoffen, dass sie ihn einließen. Ganz unbekannt war er ja nicht und außerdem war morgen Heilig Abend. Weihnachten, das Fest der Liebe! Da musste er doch einfach Glück haben. Er schlang den Schal mehrmals um seinen Hals und knöpfte den schwarzen Mantel bis oben hin zu. Ihn schauderte ein wenig bei dem Gedanken, da draußen gleich rumzutapsen, aber es half ja alles nichts. Wollte er die Nacht nicht im Auto verbringen, musste er sich in Bewegung setzen. Clemens war kaum ausgestiegen, da wehte ihm etwas ins Gesicht. Er versuchte die Richtung auszumachen, von wo dieses Etwas kam, auch wenn es ihn nicht besonders interessierte. Aber dann sah er doch etwas, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. In dem Haus, vor dem er stand, konnte er ein schwaches Licht ausmachen.
Warum denn auch weit laufen? Schnell stellte er sich in den schützenden Hauseingang und schaute sich die vielen Klingelknöpfe an. Clemens wollte seinen Augen nicht trauen. Das kam ihm doch alles sehr bekannt vor. War er am Ende doch noch bei einem Kumpel gelandet?
Da stand eindeutig „N. + N. Neumann“, und er kannte nur eine Wohnung, dessen Klingelknopf diese Aufschrift trug. Nico eins und Nico zwei. Hoffentlich war Nico zwei zu Hause, dachte er und klingelte.