Wenn Wünsche wahr werden
Kapitel 03: Krank sein und vergessene Erinnerungen
Clemens durchsuchte die Küche nach allem Möglichen. Er fand jede Menge Nudeln, Instant-Suppen, Aufback-Brötchen und im Gefrierfach etwas, das nach Steak oder Schnitzel aussah.
Nachdem er sich also ein Bild über Nicos Vorratskammer gemacht hat, setzte er Wasser für den Tee auf. Und obwohl er sich bemühte, keinen Lärm zu machen, fand er sich selbst viel zu laut. Kurzentschlossen machte er ihr auch noch eine dieser Suppen. Nach zehn Minuten ging er mit all den Dingen zurück ins Wohnzimmer, stellte sie auf den kleinen Tisch und setzte sich zu Nico aufs Sofa.
Eigentlich hatte er ein kleines bisschen Skrupel, sie jetzt zu wecken. Wo sie doch gerade so schön schlief. Vorsichtig befühlte er ihre Stirn. Fieber schien sie keines zu haben. Ihre Gesichtszüge hatten sich auch entspannt. Vielleicht war sie ja auf dem Weg der Besserung? Sanft fasste er sie an an der Schulter und weckte sie. Nur langsam öffnete sie die Augen.
„Bin ich eingeschlafen?“, murmelte Nico leise und blinzelte.
„Nur ganz kurz. Ich hab dir Tee gemacht“, verkündete Clemens stolz. Nico rang sich ein Lächeln ab und sah in die strahlenden Augen des anderen. „Geht es dir denn besser?“, fragte er nun und half ihr sich auf dem Sofa aufzurichten.
„Weiß ich noch nicht. Wird sich dann herausstellen, wenn ich aufstehe.“ Clemens nickte nur und reichte ihr den Tee.
„Ich hab dir auch ne Suppe gemacht.“
Nico schaute ihn skeptisch an. „Was für eine Suppe?“
„Na... so eine wo man nur heißes Wasser rübergießen muss. Hab ich im Schrank gefunden.“
„Und die war noch nicht abgelaufen?“ Stille. „Ehm... also... ja, da hab ich jetzt nicht so direkt raufgeschaut“, stotterte er und kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
Nicos Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen. „Das war ein Scherz“, grinste sie und trank von ihrem Tee.
„Du hattest schon immer einen merkwürdigen Humor“, meinte Clemens nur und stand auf um sich wieder auf den Hocker zu setzen. „Willst du denn gar nichts essen?“, kam die Frage von Nico, die nun von der Suppe kostete.
„Nein. Zumindest jetzt nicht.“ Clemens überlegte. „Soll ich mal ein bisschen Musik anmachen? Sonst ist das so still hier.“
„Kannst es immer noch nicht ertragen, wenn alles um dich herum ruhig ist, was?“ Es war keine Frage, sondern mehr eine Feststellung.
„Hmm. Von der Stille kann ich später noch genug haben, wenn ich alt und grau bin“, meinte Clemens nachdenklich.
„Aber nur Weihnachtsmusik, wenn’s geht. Da drüben liegt irgendwo so ne Christmas Rock CD. Die kannst du von mir aus anmachen“, gewährte sie und bekam gleich darauf einen Hustenanfall. Glücklicherweise schaffte es Nico noch gerade so eben ihre Suppe auf den Tisch zu retten.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beruhigte sie sich wieder und brauchte eine Weile, bis sie wieder einigermaßen ruhig durchatmen konnte.
„Geht’s wieder?“
„Ich glaube schon.“
„Das hörte sich ja richtig gemein an.“
„So fühlt es sich auch an, glaub mir. Hoffentlich steck ich dich nicht an.“
„Ach was.“ Clemens hatte mittlerweile Musik aufgelegt und drehte die Lautstärke etwas weiter runter.
„Sag mal, wo wir ja jetzt hier festhängen: Was machen wir denn die nächste Zeit?“
„Fernsehen? Karten spielen? Kniffeln? Und ich hoffe, das meiste davon schaffst du allein.“
„Wie jetzt?“
„Weil ich sicherlich die meiste Zeit schlafen werde“, gähnte Nico und sah schon wieder so aus, als würde sie gleich einschlafen.
„Ahja. Wo wir gleich zur nächsten Frage kämen: Wo schlaf ich? Also, ich würde das Sofa nehmen, keine Frage.“
„Nee nee. Das Sofa ist meins.“
„Ok.... dann Nicolas Zimmer.“
„Bloß nicht. Du kannst meins haben.“
„Und wo schläfst du dann?“
„Na hier aufm Sofa. Das liegt zentraler. Und falls ich nicht schlafen kann, hab ich den Fernseher gleich in der Nähe.“
„Warum kann ich nicht in Nicos Zimmer schlafen?“
„Och Clemens“, entfuhr es ihr, „Wie würdest du es denn finden, wenn ein anderer in deiner Abwesenheit dein Zimmer bezieht?“
„Mir würde das nichts ausmachen.“
„Aber mir. Und weil Nico zwei mein Zwilling ist, weiß ich, dass es ihm genauso gehen würde. Du schläfst in meinem Zimmer, keine Widerrede.“ Damit war das Thema vom Tisch. Nico zwei hatte sein Zimmer zwar nicht abgeschlossen, aber sie wusste einfach, dass er es nicht gut heißen würde. Zwischen ihnen herrschte ein stummes Einverständnis, wie es nur unter Zwillingspärchen vorkam. Manchmal war es regelrecht unheimlich, wie gut sie sich verstanden. Clemens sah auf die Uhr. Es war noch nicht mal sieben.
„Wollen wir fernsehen?“
„Wenn was läuft?“ Nico hatte diese Worte kaum ausgesprochen, da schnappte sich Clemens auch schon die Fernbedienung und setzte sich schwungvoll zu Nico aufs Sofa. Sofort begann er durch die Programme zu zappen und blieb schließlich beim DSF hängen.
„Poker? Das soll wohl ein Scherz sein?“, meckerte Nico und nieste.
„Gesundheit. Nein, das ist wirklich gut. Schau’s dir einfach mal an.“
„Ich habe ja keine andere Wahl“, näselte sie und sah gezwungenermaßen dabei zu, wie Karten aufgedeckt wurden, Geldchips den Besitzer wechselten und geblufft wurde. Nach zehn Minuten war Nico eingeschlafen. Clemens weckte sie nicht. Aber er sah noch lange fern, ehe er noch einmal in die Küche ging und sich etwas zu essen machte. Dann wollte auch er schlafen und betrat Nicos Zimmer. Er musste bei dem Anblick, den das Zimmer bot, schmunzeln. Der Schreibtisch war überladen mit buntem Papier, Bastelbüchern, Kleber, Scheren und Bleistiften. Und auf dem Boden lagen Spielzeugkataloge. Wahrschinlich hatte sie diese von der Arbeit mitgebracht. Wie auch immer, ansonsten war alles sehr ordentlich. An der Wand, wo der Schreibtisch stand, klebten eine ganze Reihe Fotos. Kinderfotos von den Zwillingen, die Eltern, ein paar Freunde, die auch Clemens kannte und... Da war ein Foto, das seine Aufmerksamkeit ein bisschen mehr als die anderen erregte. Er nahm es vorsichtig von der Wand und besah es sich genauer. Es zeigte ihn und Nicola, Wange an Wange, schick gekleidet... Clemens überlegte. Das musste die Abschlussfeier von der zehnten Klasse gewesen sein. Wie lange war das bloß schon her? Er konnte sich an diese Szene kaum noch erinnern. Aber wenn er sich das Bild so betrachtete, fand er, dass sie zusammen ziemlich gut aussahen. Vielleicht fand Nico das ja auch und deshalb hing das Foto hier an ihrer Wand. Auf Augenhöhe, wenn man am Schreibtisch saß... Clemens wollte das Foto gerade wieder zurückhängen, da entdeckte er ein weiteres Bild. Kein Foto, aber was anderes. Eine Autogrammkarte. Von ihm. Er hatte sie ihr sicherlich nicht gegeben, das war ihm klar. Wozu auch, sie kannten sich schließlich. Ihm würde es nie einfallen, Autogrammkarten an seine Freunde zu verteilen. Clemens sah genauer hin. Es war sogar eine ziemlich neue, von diesem Jahr. Er trug darauf schon das Werder-Trikot. Vielleicht sollte er Nico morgen mal darauf ansprechen. Jetzt aber war er doch ein bisschen müde. Schnell zog er sich etwas anderes an, ging noch einmal ins Bad und legte sich dann schließlich schlafen. Er träumte von der Abschlussfeier damals und spürte wieder dieses Herzklopfen, dass er früher immer hatte, wenn Nico eins in seiner Nähe war...